Konsumenten an der Macht?

Illustratierte Pflegemittel für den Körper

Vor gut einer Woche fand ich auf helpORF.at einen Artikel über einen Ökotest “Gefährliche Duftstoffe in Haarspülungen“. Zwar verwende ich keinen Conditioner, aber ich bilde mich ja weiter. Ergebnis des Tests: Diverse Produkte sind durchgefallen, weil sie unter anderem im Verdacht stehen, Krebs erregend zu sein. Als ich das las, wurde ich so richtig grantig (österreichisch für sauer). Im ersten Moment war ich fast verwundert, wie mich das Thema triggerte (so neu sind ja bedenkliche Produkte nicht). Aber wahrscheinlich war es der Vollmond. Spaß beiseite, ich kam dann schon auf den Grund. Sind Konsumenten wirklich an der Macht?

Liegt Konsument_innen-Bashing im Trend?

Ich kann es einfach nicht mehr hören!!! Egal, worum es geht, ganz schnell heißt es – ganz gleich ob in den „sozialen“ Medien, im Bekanntenkreis oder bei sonstigen Gesprächsrunden – als Konsumentin habe man die Macht zu verändern, die Verantwortung, die richtigen Produkte (ökologisch, gesund, nachhaltig, recyclebar etc.) zu kaufen und die Schuld, wenn es mal nicht funktioniert.

Verantwortung und Macht – eine Einbahnstraße?

Aber wo bleibt die Verantwortung dieser Firmen? Warum dürfen Firmen Produkte auf den Markt bringen, die im Verdacht stehen gesundheitsschädlich zu sein oder es sogar tatsächlich sind?

Muss ich wirklich

  • wertvolle Lebenszeit „verschwenden“, um mich zur Chemikerin weiterzubilden, um zu verstehen, was auf Verpackungen steht?
  • mir ein Labor einrichten, um Produkte zu testen, ob alles mit rechten Dingen zugeht?
  • meine Glaskugel strapazieren, um darin zu sehen, welche schädlichen Ingredienzien Produzenten diverser Sparten in naher oder ferner Zukunft erfinden (lassen), um auf meine und der Umwelt Kosten ihren Gewinn zu maximieren? Weil ohne Glaskugel käme ich ja gar nicht auf die Idee, was man so alles in Produkte mischen kann.
  • dauernd am Laufenden sein, um mich zu informieren, womit eine Firma X, Y oder Z wieder versucht, mich zur willenlosen, süchtigen und dummen Konsumentin „anzufüttern bzw. zu bewerben“?
Bild von Speedy McVroom auf Pixabay

Der Preis allein erzählt nichts mehr

Auch der Preis ist auch kein Qualitätsmerkmal mehr. „Bedenkliches“ kann man in allen Preiskategorien kaufen. Höherer Preis bedeutet nicht mehr automatisch bessere Qualität, eher höhere Marketingkosten oder Gewinnmarge. Es muss doch möglich sein und gesetzlich reguliert sein können, dass durchschnittliche Intelligenz, Bildung und Hausverstand ausreichen, um halbwegs vernünftig einkaufen zu gehen!?!?

Keine App und keine Lupe

Nein, ich will keine App auf mein Handy installieren müssen, um zu verstehen, was ich da kaufe. Nein, ich mag keine Lupe mitnehmen müssen, um für den Einkauf gerüstet zu sein. Die Produktbeschreibungen sind mittlerweile in einer Schriftgröße angeführt, die nur noch mit großem Aufwand oder mit Adleraugen zu lesen sind. Spätestens ab 50+ können es wahrscheinlich 80% der Menschen nicht mehr entziffern, was auf der Packung steht. Da stellt sich mir die Frage, ist das Absicht und diskriminiert es mich schon?

Kennzeichnung oder ich verstehe nur Bahnhof

Darunter fällt auch die Kennzeichnung. Ich muss prüfen, ob das Pflege- oder Putzmittel tierversuchsfrei ist? Genau umgekehrt sollte ein Schuh daraus werden. Es muss gekennzeichnet werden, dass Tierversuche gemacht wurden und nicht, dass keine gemacht wurden. Auch mein Latein ist schon zu lange her, um mit den durchwegs auch wohlklingenden Namen etwas anfangen zu können. Macht doch selbst die Probe aufs Exempel! Nehmt Euch ein in Eurem Haushalt verfügbares Pflege- oder Reinigungsmittel zur Hand und schaut einmal, was Ihr genau davon versteht. Nur Bahnhof? Das glaube ich Euch sofort, geht mir nicht besser. Und damit soll ich als Konsumentin an der Macht sein?

Abrakadabra klingt nach Zauberformel

Test: Wer von Euch weiß, was Dihydrogenated Tallowoylethyl Hydroxyethylmonium Methosulfate ist? Dieser Inhaltsstoff erregte zuletzt bei Weichspülern Aufsehen, es ist nämlich Rindertalg. Ich habe soeben nochmals recherchiert und wo ist es noch drinnen? Ja genau, es kann auch in Conditioner drinnen sein (War aber jetzt reiner Zufall, dass ich dies in dem Zusammenhang gefunden habe.)

Bild von Speedy McVroom auf Pixabay

Warum muss ich recherchieren, in welchem Waschmittel Mikroplastik drinnen ist und warum es da drinnen ist? Das hat so auf der Verpackung zu stehen, dass ich es SOFORT lesen kann. Warum ist in Kosmetik Mikroplastik enthalten? (Außer bei Peelings und Zähneweißmacher hätte ich keine logische Erklärung dafür, die ich nicht recherchieren müsste) Der Beispiele gibt es viele und sicher fällt Euch, liebe Leser_innen sofort auch noch einiges ein, das Ihr beisteuern könntet.

Einkaufen als fulltime Job?

Selbst bin ich eh schon eine richtige „Schauerin/Prüferin“ geworden. Es gibt zu vielen herkömmlichen Produkten schon Alternativen zu kaufen – leider oft nur mit Aufwand in mehreren Geschäften gesammelt, oder sogar nur online bestellbar. Aber hallo, muss es alle interessieren, was sich an Chemie und Gift in unseren Pflege- und Reinigungsmittel befindet? Müssen alle dafür Zeit haben oder sich nehmen? Was ist mit den Mitmenschen, denen es in fordernden Lebensphasen zeitlich mehr schlecht bis gar nicht möglich ist, als Sherlock Holmes ihre Einkäufe zu erledigen. Muss ich nicht davon ausgehen können, dass die Konzerne uns so „wohlgesonnen“ sind, uns nicht zu vergiften, oder? Oder zumindest nur ein bisserl!

Firmen wollen mir etwas verkaufen, sind sozusagen auch Dienstleistungsbetriebe. Sie bekommen Geld von mir für ihre Ware. Dann sollen sie sich gefälligst darum kümmern, dass ich keinen Aufwand habe, ihre Produkte zu kaufen und dabei gesund zu bleiben.

Wenn ich Verantwortung trage für meinen Einkauf, dann haben Produzenten und die Politik (jetzt muss ich schon fast selbst lachen) auch Verantwortung und die sollen sie endlich wahrnehmen.

Wie seht Ihr das? Konsumenten an der Macht? Stimmt das?

Fazit für mich: JA, zeigen wir mit unserem Konsumverhalten auf, was wir kaufen wollen. JA, sind wir informiert, lästig und aufzeigend. JA, wehren wir uns gegen Strukturen von Wirtschaft und Politik, was Inhaltsstoffe und Kennzeichnungen betrifft. Seien wir aber nicht zu streng mit jenen, denen es aus welchen Gründen nicht immer möglich ist.

NEIN, wir haben nicht alles selbst in der Hand und NEIN ohne politische Regeln geht es nicht.

PS: Und weil ich mich immer wieder über etwas aufrege, das Konsum betrifft, hier mein Beitrag zu zerstörten Jeans 🙂

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8 Kommentare

  1. vielen Dank! Du schreibst all das, was ich mir in der letzten Zeit ganz oft bei diversen Einkäufen gedacht hab. Aber halt auf den Punkt gebracht. Die Politik/Regierung/Behörden/Autoritäten (man wähle selbst….) mischt sich in ganz viele Lebensbereiche ein, manchmal ist das sinnvoll, regulierend, schützend usw. und manchmal ist das zu viel. Wieso grad in dem von dir beschriebenen Berich immer noch herzlich wenig “eingegriffen” wird, das möge mir mal jemand erklären. Nachgewiesen gesundheitsschädliche Dinge verkaufen zu dürfen (und es wissen ja alle, dass sie gesundheitsschädlich sind!), das ist eigentlich kriminell. Oder?

    1. Danke liebe Andrea für Deinen Kommentar. Ja, je tiefer man sich in die Materie einarbeitet desto mehr Fragen ergeben sich. Aber gerade in Zeiten wie aktuell dürfen sich Dinge auch ändern. Daran glaube ich ganz fast. Herzlich Michaela

  2. Danke, dass du das aufgegriffen hast.
    Was da alles im Shampoo drinnen ist!
    Wir Konsumenten haben es lt. Markt in der Hand, was verkauft wird. Echt?
    Mikroplastik, Stoffe unter Krebsverdacht und das Ganze möglichst unleserlich auf der übergroßen Verpackung.
    Die Beweislast liegt von Gesetzeswegen bei uns Konsumenten. Aber nur jene mit Leistungsgruppe Chemie oder Materialkunde …
    Aber was tun wir jetzt? Eine Webseite mit schwarzen Schaf-Produkten?

    1. Liebe Elisabeth, Du hast Recht, es gibt Alternativen und Möglichkeiten.
      Das Problem sehe ich darin, dass sie meist hochpreisiger sind (auch wenn es sich langfristig lohnt), weniger leicht verfügbar sind (herkömmliche Mittel bekommst sogar schnell mal im Supermarkt) und es für viele zu aufwendig scheint, sich mit den Alternativmöglichkeiten auseinander zu setzen.

  3. Seufz, du hast recht, es wäre soooo viel einfacher, wenn die Kennzeichnung andersrum wäre – aber wie wir ja aus den letztjährigen politischen Entwicklungen wissen, wie der Hase mit den Großkonzernen läuft (ich zahl dir was und du tust dann das, was ich will), wird sich da nichts ändern. Die Schmierereien und “Sponsorengelder” sind genau die, warum Großkonzerne nichts ändern werden, weil die Politik auch nichts ändern wird (wollen/können).
    Drum bleibt letztendlich wieder alles am Konsumenten hängen. Das meiste Geld fließt wahrscheinlich in Beratungsfirmen, wie wir am besten getäuscht und geblendet werden, damit wir ja zu all den tollen Mitteln greifen.

    1. Liebe Marion, danke für Deinen Kommentar. Ja,ja die LobbyistInnen.
      Was mich ergänzend so ärgert, den Aspekt ließ ich noch gar nicht einfließen, das ist dann die Gesundheitspolitik. Einerseits wird mit den KonumentInnen Gewinn gemacht und andererseits entstehen dem System dadurch auch wieder Kosten, die wir Beitragsleistende zu zahlen haben.

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